Was frühere Strengwinter dem Menschen lehrten – Resilienz aufbauen in Zeiten des Wandels
Auch wenn der Winter 2025/2026 keine extremen Ausmaße angenommen hatte, gab es in Teilen Mitteleuropas mal wieder längeres Winterwetter mit Frost und Schnee. Im Vergleich zu diesem moderaten Winter, kann die kalte Jahreszeit grundsätzlich richtig unbarmherzig sein. Innerhalb weniger Tage oder Wochen verwandelt der Winter vertraute Landschaften in eine fremde, feindliche Welt. Straßen werden unpassierbar, Versorgungsketten reißen ab, und der Alltag, den wir für selbstverständlich halten, gerät ins Stocken. In Deutschland haben wir das immer wieder erlebt – und doch vergessen wir oft, wie fragil unsere modernen Strukturen eigentlich sind.
Eines der eindrücklichsten Beispiele ist die Schneekatastrophe von 1978/79
Ab dem 28. Dezember 1978 zog ein massives Tiefdruckgebiet über Norddeutschland hinweg. Innerhalb von Stunden fielen enorme Schneemengen, begleitet von orkanartigen Winden, die Verwehungen bis zu sechs Metern Höhe aufwarfen. In Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern brach der Verkehr vollständig zusammen. Hunderte Orte waren wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Stromleitungen rissen, Heizungen fielen aus, Lebensmittel wurden knapp.
Die Bundeswehr musste mit Hubschraubern Versorgungsflüge durchführen, um Medikamente und Nahrung in isolierte Dörfer zu bringen. Allein in der Bundesrepublik gab es 17 Tote, die Schäden beliefen sich auf über 140 Millionen Mark.
In der DDR war die Situation ähnlich dramatisch – die Insel Rügen war tagelang komplett isoliert. Viele Menschen erlebten zum ersten Mal, wie schnell die gewohnte Infrastruktur zusammenbrechen kann, wenn die Natur zuschlägt.
Ähnlich extrem, aber durch anhaltende Kälte geprägt, war der Winter 1928/29, einer der kältesten des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Am 12. Februar 1929 wurde in Wolnzach (Bayern) mit −37,8 °C der bis heute gültige Kälterekord gemessen. Flüsse wie Rhein und Elbe froren über weite Strecken zu, sogar der Ärmelkanal trug Eis.
In Karlsruhe führte die Eisdecke auf dem Rhein zu Wassermangel, weil die Wasserwerke nicht mehr pumpen konnten. Der Dauerfrost hielt wochenlang an, Ernten waren bedroht, und die Versorgung mit Kohle – damals die wichtigste Heizquelle – wurde zur Herausforderung.
Diese Extremwinter zeigen ein Muster: Plötzlich oder schleichend verändern sich die Rahmenbedingungen des Lebens grundlegend. Gewohnte Strukturen – Verkehr, Energieversorgung, Arbeit – „frieren ein“. Und doch haben Gesellschaften immer wieder Wege gefunden, sich anzupassen.
Die Jahrtausendwinter der Kleinen Eiszeit: 1708/09 und 1739/40
Der Jahrtausendwinter 1708/09
Noch tiefer in die Geschichte reichen die sogenannten Jahrtausendwinter 1708/09 und 1739/40, die während der Kleinen Eiszeit (etwa 1300–1850) zu den kältesten Wintern überhaupt in Europa zählen. Beide Winter waren geprägt von stabilen Hochdrucklagen über Nordeuropa, die sibirische Kaltluft ungehindert nach Mitteleuropa strömen ließen. Der „Große Frost“ von 1708/09 gilt als der extremere der beiden: Ab Mitte Dezember 1708 hielt anhaltender Frost bis in den April 1709 an, mit Januar-Mittelwerten in Süddeutschland von bis zu −15 °C – etwa 10–12 °C unter heutigen Normwerten. In Paris wurden −23 °C gemessen, in Berlin Schätzungen von −20 bis −25 °C. Der Winter 1739/40, oft als „Kalte Schock“ bezeichnet, begann bereits im Herbst 1739 und dauerte bis April 1740, mit Februar-Temperaturen bis −25 °C in Sachsen und Böhmen sowie massiven Schneefällen in den Alpen und Süddeutschland.
Die gesellschaftlichen Auswirkungen waren verheerend. Im Winter 1708/09 starben schätzungsweise 600.000 Menschen in Europa an Kälte, Hunger und Krankheiten – allein in Frankreich eine katastrophale Zahl, verstärkt durch den laufenden Spanischen Erbfolgekrieg und hohe Steuern. Brotpreise vervierfachten sich, Hungersnöte brachen aus, und in Städten wie Paris erfroren Menschen auf offener Straße. Der Frost zerstörte Wintergetreide, Weinreben (bis zu 90 % in Bordeaux und Süddeutschland) und Obstbäume, deren Stämme durch gefrierendes Wasser platzten. Viehbestände schrumpften massiv, Wildtiere und Vögel wurden dezimiert. Flüsse wie Rhein, Elbe und Donau froren komplett zu, ebenso der Bodensee und Teile der Nordsee – der Handel kam zum Erliegen, Städte waren isoliert.
Der Jahrtausendwinter 1739/40
Ähnlich dramatisch war 1739/40: Hunderttausende Tote, darunter in Irland etwa 300.000 durch die „Irische Hungersnot 1740–41“, ausgelöst durch verdorbene Kartoffelvorräte und Ernteausfälle. In Böhmen und Irland kam es zu Plünderungen und Protesten. Schneeverwehungen von mehreren Metern isolierten Dörfer wochenlang, Wölfe wurden aggressiver durch Futtermangel. Wirtschaftlich lähmten vereiste Flüsse und blockierte Straßen den Handel; Märkte in Wien und Prag blieben geschlossen.
Technologische Anpassungen gab es in dieser vorindustriellen Zeit kaum – Heizung beschränkte sich auf offene Feuer, Vorratshaltung war rudimentär.
Dennoch zeigten sich erste Formen von Resilienz: Religiöse Prozessionen und Gebete spiegelten die Deutung als göttliche Strafe wider, während zugefrorene Gewässer pragmatisch genutzt wurden, etwa für Reisen über den Bodensee oder „Frostmärkte“ in den Niederlanden. Langfristig führten die Katastrophen zu landwirtschaftlichen Lernprozessen, wie der Einführung frostresistenterer Sorten und besserer Vorratswirtschaft. Diese Winter zwangen Gesellschaften, sich trotz fehlender moderner Mittel anzupassen – ein Beweis, dass Resilienz oft aus Notwendigkeit entsteht.
Noch mehr zu extremen Winter in der Wetterchronik, die monatlich aktualisiert wird: Außergewöhnliche und extreme Wetterereignisse der letzten 2000 Jahre in Mitteleuropa.
Technologie als Antwort auf die Kälte
Betrachtet man die Geschichte der Kältebewältigung in Deutschland, wird deutlich, wie eng technologischer Fortschritt mit winterlichen Herausforderungen verknüpft ist. In vorindustriellen Zeiten waren harte Winter oft existenzbedrohend. Offene Feuerstellen boten nur begrenzte Wärme, Vorratshaltung war mühsam, und Reisen im Winter riskant. Die Industrialisierung brachte entscheidende Veränderungen: Bessere Öfen und Kohleheizungen ermöglichten ganzjährige Produktion in Fabriken. Die Eisenbahn überwand Schneebarrieren, Schneepflüge und Streufahrzeuge machten Straßen passierbar.
Der „technologische Winter“ der Gegenwart
Heute erleben wir eine neue Art von Umschwung, der ähnlich tiefgreifend wirkt wie ein plötzlicher Kälteeinbruch. Nicht Schnee und Eis, sondern rasante technologische Entwicklungen verändern die Strukturen unserer Arbeits- und Lebenswelt. Viele vertraute Berufsfelder „frieren ein“ – nicht über Nacht, aber spürbar schneller als in früheren Umbrüchen.
Im Gegensatz zu den Technologiewellen der Vergangenheit könnte diese Welle netto weniger neue Arbeitsplätze in den betroffenen Bereichen schaffen. Kognitive und administrative Tätigkeiten werden zunehmend automatisiert, während handwerkliche, pflegerische oder wetterabhängige Berufe – wie Winterdienste oder Landwirtschaft – länger stabil bleiben. Der Wandel trifft besonders die Mittelschicht und erfordert eine neue Form von Resilienz.
Die Kunst, nicht zu erfrieren
Was lernen wir aus den Extremwintern für diese Zeit des Wandels? Resilienz entsteht nicht durch Starrheit, sondern durch Vorbereitung und Anpassung. Damals hieß das: Vorräte anlegen, Gemeinschaft stärken, alternative Wege finden (zu Fuß, mit Schlitten, durch Solidarität). Heute bedeutet es ähnliches, nur auf anderer Ebene:
- Vielfalt der Fähigkeiten entwickeln, statt sich auf eine einzige Einkommensquelle zu verlassen.
- Finanzielle Puffer aufbauen, wie früher der Vorratskeller.
- Netzwerke und Gemeinschaften pflegen, die in Krisen Halt geben.
- Lebenslange Lernbereitschaft, um sich neuen Realitäten anzupassen.
Wer in einem abgeschnittenen Dorf im Schneechaos 1978/79 überlebte, tat das selten allein. Ebenso werden wir die aktuellen Umbrüche besser meistern, wenn wir uns frühzeitig orientieren und Strategien entwickeln.
Wer sich tiefer mit praktischen Ansätzen für diese neue Ära auseinandersetzen möchte, dem sei das Buch:

Der perfekte Sturm 2026: Navigationshilfe durch die KI-Revolution empfohlen.
Es bietet nachdenkliche Impulse, wie man den Wandel aktiv gestalten kann – ähnlich wie eine gute Winterausrüstung in stürmischen Zeiten.
Denn am Ende taut auch der härteste Winter irgendwann auf. Die Frage ist aber, ob wir vorbereitet sind, wenn ein technologischer oder beruflicher Winter kommt.
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